Interview mit Chima

Beziehung zu Frankfurt: Lokalpatriot?


F: Chima, bist du ein Lokalpatriot? Was für eine Beziehung hast du zu Ffm?

C: Es ist einfach so, dass die Lebenswirklichkeit und die Möglichkeiten, die mir Frankfurt bietet – im Vergleich zu den meisten anderen Großstädten in Deutschland – sehr speziell sind. Das kommt mir und meinem Leben sehr zugute. Ich mag zum Beispiel die explizite Internationalität der Stadt sehr ...

F: … was denkst du, woher diese Internationalität eigentlich kommt?

C: Das ist wahrscheinlich historisch bedingt bei einer Messestadt, die sehr zentral in der Mitte Deutschlands und Europas liegt. Mein Lokalpatriotismus ergibt sich sicher auch daraus, dass ich mich hier sehr wohl fühle, auch weil ich das Gefühl habe, dass mein biographischer Hintergrund hier nicht alleine steht. Es gibt so viele Leute hier, denen es ähnlich geht. Die Stadt tickt und denkt eben so, das mag ich sehr.

F: Eine Metropole, die sehr viele Kulturen vereint und dadurch – im übertragenen Sinne - eine gewisse Größe erreicht.

C: Ja und nein (lacht), am Ende des Tages ist Frankfurt ein Dorf. Das weiß jeder, der in Frankfurt lebt und großgeworden ist. Manchmal habe ich das Gefühl, die Stadt ist höher als breit. Und sie ist ziemlich eingebildet. Sie glaubt nämlich, dass sie viel größer wäre als sie ist, bleibt aber – wie gesagt – ein Dorf. Aber das ist ja irgendwie auch schön. Denn wenn man hier groß geworden ist, dann kennt man halt irgendwie auch alle.

F: Thema „Größenwahn“. Der Wunsch, eine Metropole zu sein, ist ja verständlich. Denn man kann, in Relation zur Einwohnerzahl, einige erstaunliche Dinge vorweisen. Auf der anderen Seite fehlt aber dann eben die Größe, schon im Vergleich zu den zwei, drei großen deutschen Städten – ganz zu schweigen von den internationalen Metropolen.

C: Ja, da schwingt eine gewisse Hybris mit, von der wir Frankfurter eigentlich wissen, dass sie nicht angebracht ist.

F: Und führt die in Frankfurt nicht auch zu einer eigenwilligen Stimmung aus Selbstironie und Eitelkeit. Deshalb ist der typische Frankfurter so knurrig, gut beispielswiese im Stadion zu erleben.

C: Das ist absolut so und das feiere ich auch. Dazu gehört natürlich auch die Beziehung, die die Stadt beispielsweise zur SGE hat. Die Eintracht wird gefeiert wie ein nationales Kulturgut, ist aber eigentlich ja „nur“ die Mannschaft aus Frankfurt am Main.

F: Besucher stellen dann erstaunt fest, dass die Leute hier zwar mürrisch sind und rummeckern, das aber eher auf so eine fast liebevolle Art und Weise. Allein die Schimpfwörter sind ja schon süß, ob das jetzt der „Hannebambel“ ist oder der „Babbler“.

C: (Lacht) Selbst „schwätz net“ klingt in Frankfurterisch irgendwie schon wieder deutlich harmloser. Ganz Frankfurt ist natürlich geprägt von einem gewissen Stolz, aber auch das ist alles nicht immer so ganz ernst gemeint. Und dieses Augenzwinkern gefällt mir. Aber wenn man mal in Alt-Sachsenhausen ist oder in der Kleinmarkthalle, das ist schon alles gewachsen, diese kulturelle Identität, die kommt nicht von ungefähr.

J: Zu einem anderen, ernsteren und persönlichen Thema: Frankfurt ist ja auch eine Business-Stadt. Und du hast mal erzählt, dass du, als deine Entscheidung für die Musik gefallen war, eine schwierige wirtschaftliche Zeit erlebt hast. Ist es hier dann besonders schwierig, klarzukommen?

C: Puh, das ist schwer zu beantworten. Denn ich habe ja keinen Vergleich, ich habe immer in Frankfurt gelebt. Ich kenne die Umstände meiner Homies in Paris und London und gemessen daran ist das alles hier harmlos. Paris und London wären auch die einzigen Städte gewesen, die für mich außerhalb von Frankfurt attraktiv gewesen wären. Berlin mag ich sehr, aber ich bin nun mal Dorfbewohner (lacht).

F: Das heißt also, die schwierige Zeit würdest du nur an deiner damaligen Entscheidung festmachen?

C: Genau. Das hat was mit der Entscheidung für einen bestimmten Lebensentwurf zu tun. Ein Entwurf, der nicht auf Sicherheit oder Dienstleistung setzt, sondern die Kreativität in den Mittelpunkt stellt und damit eine Selbstverwirklichung anstrebt. Die Konsequenz daraus ist eine gewisse wirtschaftliche Unsicherheit und eine Ungewissheit. Jeder, der sich für diesen Weg entscheidet, ganz egal ob das nun in Frankfurt ist, in London oder in Oberammergau, weiß genau, was ich meine.

F: Gab es auf diesem Weg hin zur Selbstverwirklichung auch Zweifel? Gab es Momente, in denen du das Rad zurückdrehen wolltest? Oder war die Überzeugung so stark, dass du selbst in schwierigen Momenten gesagt hast, das muss ich durchziehen?

C: Klar, auf jeden Fall gab es Zweifel. Ich war mir nicht immer sicher, dass ich das durchziehen kann. Gleichzeitig wusste ich aber immer, dass es die richtige Entscheidung war. Weißt du, seit ich 17 bin, stehe ich auf Bühnen. Und wer das erlebt hat und an sich glaubt, der kann nur schwer davon ablassen. Und ich habe ja immer mal mehr und mal weniger Erfolg gehabt. Meine Musik war aber auch nie – oder nur ganz selten – eine brotlose Kunst. Und wenn du die Erfahrung mal gemacht hast, dass du für deine eigenen Gedanken, deine eigenen Ideen, Applaus bekommst und auch davon leben kannst, dann ist es total schwer, wieder zurück in das ‚klassische Leben‘ zu finden.

F: Ja und man weiß ja auch, dass die Qualität da ist und man nicht scheitern wird, weil man schlechte Musik macht. Diese Gewissheit, dieses Selbstvertrauen muss ja auch vorahnden sein oder? Es ist eine Frage der Machbarkeit, man darf eben nicht nach dem ersten Scheitern aufgeben.

C: Absolut. Und dennoch: Sollte sich mein Sohn für einen ähnlichen Lebensentwurf entscheiden, dann würde ich sagen: „Empfehlen möchte ich dir das nicht. Denn das ist ein sehr beschwerlicher Weg. Du wirst dir selbst ganz oft der Nächste sein und Entscheidungen treffen müssen, die dir niemand abnehmen kann. Auch kein Manager. Das heißt, du musst einerseits genau wissen, wer du bist oder wer du sein willst und brauchst andererseits Ausdauer. Du musst dich realistisch selbst einschätzen, brauchst ein Umfeld, dem du vertraust und erlaubst, ehrliche Kritik zu äußern. Wenn all diese Dinge gegeben sind, dann kann das was werden. Und sei nicht zu eitel und zu stolz, um von deiner Idee abzulassen, wenn du merkst, dass du damit nicht weiterkommst.“

F: Das ist – glaube ich – ganz wichtig: Man sollte nicht zu eitel sein.

C: Absolut. Du musst natürlich eine – sagen wir – Grundeitelkeit mitbringen. Denn es muss ja eine Berechtigung dafür geben, dass du auf Bühnen stehst und den Menschen deine Ideen entgegenschleuderst, sie unterhältst und zum Nachdenken anregst. Aber du musst trotzdem alles, was deine Arbeit betrifft, realistisch einschätzen können. Immer.

F: Und jetzt kommt bald dein neustes Werk heraus.

C: Zuerst eine Single und in einigen Monaten dann das Album. Eine megaspannende Zeit. Wir arbeiten gerade an der Fertigstellung. Da wird wieder umgeworfen und neu gemacht, in letzter Sekunde, man schwitzt viel und – weil du vorhin nach Zweifeln gefragt hast – man zweifelt, ob man das Album dann genau so veröffentlich will oder soll. Man überlegt ständig, ob es noch besser geht, wie viel Zeit noch bleibt (seufzt).

F: Du legst alles auf die Goldwaage, dabei interessiert das da draußen ja erst mal niemanden, weil keiner das Werk bisher kennt.

C: Genau. Und es geht ja auch um Details, die dir selbst total wichtig sind, obwohl die viele gar nicht wahrnehmen werden. Ein Wahnsinn (lacht). Aber wenn du die Songs auf die Welt losgelassen hast, dann sind sie unveränderlich so. Trotz aller Überlegungen und Zweifel ist und bleibt es aber die spannendste Zeit, die entscheidende Zeit. Es zeigt sich, wer man ist. Wenn ich in zehn Jahren darauf zurückblicke, wird sich das im Raster diverser Entscheidungen eingliedern, die ich im Zuge von früheren Veröffentlichungen getroffen habe. Es wird sich viel von meinem Charakter in dieser Veröffentlichung wiederfinden. Auch in den Entscheidungen darüber, welche Stücke aufs Album kommen – und welche nicht.

F: Für jeden Künstler sehr schwierig.

C: Aber auch total spannend. Ich respektiere bei jedem Kollegen, egal aus welchem Genre, genau diese Entscheidungskompetenz: Was lasse ich auf die Welt los – und was nicht? Denn wir sehen und hören als Konsumenten dann ja nur das Ergebnis dieser Willensbildung.

F: Ich frage mich immer, was Prince erst durchgestanden haben muss bei den Hunderten von Songs, die nicht veröffentlicht wurden.

C: Voll! Das ist wirklich eine krasse Geschichte. Und generell ist das eben eine der spannendsten Aspekte dieses Lebensentwurfs. Du hast ja keinen Chef, da gibts kein hierarchisch strukturiertes Arbeitsumfeld, das dich vor Fehlentscheidungen oder auch mal vor dir selbst schützt.

F: Aber Kompromisse im Team sind ja auch für Künstler notwendig, möglich und auch wichtig – oder? Denn die Meinungen von Profis helfen oft, dass das Ergebnis noch besser wird.

C: Das mit dem Ergebnis ist immer so eine Sache. Die Frage, die sich stellt, ist: Was ist die Maßgabe? Wenn es darum geht, 100%ige Selbstverwirklichung zu erreichen, dann ist es nicht besser, Kompromisse einzugehen. Wenn die Maßgabe Erfolg und ein gewisses Maß an Selbstverwirklichung einschließt, dann ist es sehr sinnvoll, auf die Meinungen aus dem eigenen Umfeld zu hören und die Stücke entsprechend zu optimieren. Wie auch immer das dann läuft, das ist ja das Spannende an diesem Beruf: Du hast es selbst in der Hand und du musst festlegen, welche Mitte zwischen Selbstverwirklichung und Kompromiss die richtige ist. Aber das macht die ganze Nummer so spannend für mich. Das feiere ich sehr.

J: Und es wird in Ffm eine Release-Party geben oder?

C: Selbstverständlich!

J: Und FRESHFFM bekommt ein paar Tickets für unsere Leser und ein paar handsignierte CDs für deine Hometown-Fans.

C: Na klar. Auf jeden Fall! Die bringe ich euch und unterschreibe ich. Freue mich drauf.

F: Abschließend: Möchtest du noch etwas loswerden?

C: Ja, dass Frankfurt eine wirklich tolle Stadt ist!