FRESHFFM meets DANNY DA COSTA

Danny, du bist in Neuss geboren, dann nach Leverkusen gegangen, anschließend nach Bayern zum FC Ingolstadt gewechselt, dann zurück nach Leverkusen …

… mit maßlosem Erfolg (lacht) und dann bin ich hierher, nach Frankfurt gekommen.

Genau. Wie ist das? Sucht man sich als Profi-Fußballer eigentlich nur den Club aus und prüft dessen Perspektiven? Oder informiert man sich auch über die Stadt und die Gegend, in der man dann leben wird? Wie ist die Lebensqualität? Sind die Leute cool? Werde ich dort Spaß haben? In welchem Verhältnis steht das?

Das ist schon von Spieler zu Spieler sehr verschieden. Aber zuallererst hängt das natürlich von den Optionen ab. Und dann gibt es natürlich Spieler, denen das Umfeld außerhalb des Vereins nicht so wichtig ist. Bei mir ist es eher umgekehrt. Wenn ich die Möglichkeit habe, mich zwischen mehreren Vereinen zu entscheiden, dann achte ich darauf, welchen Eindruck die Stadt auf mich macht, wie ihr Ruf ist.

Wie war das im Fall von Frankfurt?

Ich hatte das Glück, dass ich mit Stefan Reinartz mal in der gleichen Reha war. Ich kannte ihn noch aus Leverkusen und er spielte damals für die Eintracht. Er schilderte seine sehr positiven Eindrücke von der Stadt. Und ich hatte ja außerdem bei meinen Spielen mit anderen Vereinen hier die Fans erlebt und schon damals immer gedacht: „Wow, das geht ab.“ Als ich mich dann mit einem Wechsel zur Eintracht beschäftigte, habe ich übrigens erzählt bekommen, dass wegen der Banken und der Pendler unter der Woche immer mehr als doppelt so viele Menschen in der Stadt, sind als sie Einwohner hat …

… das stimmt tatsächlich auch …

… ok, ich dachte, das war übertrieben, aber es war schon klar, dass die Stadt ein wirkliches Zentrum für viele Menschen ist, ein Bezugspunkt auf unterschiedlichen Levels. Das hat mir gefallen. Na ja und außerdem wusste ich, dass ich mit dem Zug ganz schnell in der Heimat sein kann. Die Anbindung ist ja perfekt. Und man weiß ja vorher nie, wie es laufen wird.

Du hast sowohl die Business-Stadt als auch die Fankultur erwähnt. Trotz ihres Rufs, eine kühle Business-Stadt zu sein, gelten die Eintracht-Fans ja als sehr heißblütig. Eine leidenschaftliche große Masse an Menschen, die diesen Verein leidenschaftlich unterstützt. Vielleicht Top 5, was die Fankultur betrifft.

Ich würde das sogar noch viel höher ansiedeln. Eher Top 3 und für mich mit Abstand die klare Nummer 1.

Man merkt also, welche Bedeutung der Club für die Menschen hier hat. Es gibt Städte, da sind kleinere Stadien in wichtigen Champions-League-Spielen nicht voll, und hier feiern 50.000 ein Spiel gegen Vaduz.

Ja, ich habe es schon oft gesagt und es ist keine Floskel: Das ist einmalig, wahnsinnig toll für uns als Mannschaft, das zu erleben. Und es spiegelt einen wichtigen Teil dieser Stadt wider. Ich mag das sehr!

Wenn man merkt, wie wichtig der Verein und ihr als Mannschaft so vielen Menschen hier seid, entsteht dann nicht aber auch eine Drucksituation, die belasten kann? Man möchte die Fans ja auch nicht enttäuschen.

Nein, bisher war das nicht so. Ich hatte aber auch großes Glück, denn als ich im ersten Jahr hier war, haben wir direkt den DFB-Pokal gegen Bayern München gewonnen, nachdem die Mannschaft das Jahr zuvor leider gegen Borussia Dortmund im Pokalfinale nur knapp verloren hatte. Erfolg ist natürlich hilfreich. Der verschafft Kredit. Aber in Frankfurt ist es mehr als das. Ich finde, die Menschen haben hier ein gutes Gespür dafür, in welchen Situationen wir Unterstützung brauchen. Und das ist natürlich vor allem dann so, wenn ein Spiel nicht gut läuft. Wenn etwas nicht klappt. Die Fans schätzen auch eindeutig unsere Bereitschaft, alles reinzuhauen und uns mit dem Verein und der Stadt zu identifizieren. Das klingt ein bisschen aufgesagt, ich weiß, und man kann im Fußballgeschäft nicht weit in die Zukunft schauen, aber der Zusammenhalt innerhalb des Teams und die Chemie zwischen Team und Fans sind einmalig. Definitiv.

Und die Unterstützung kennt ja auch kaum Grenzen, ob hier in Frankfurt oder bei Auswärtsspielen.

Ja, es ist eigentlich immer nur eine Freude, bei jedem Heimspiel auflaufen zu können. Und selbst unsere Auswärtsspiele sind ja manchmal wie Heimspiele, da unsere Fans in der Überzahl sind oder einfach eine unglaubliche Stimmung machen. Man ist immer sehr konzentriert und fokussiert auf dem Platz, aber diese Unterstützung bekommt man immer mit. Das ist wahnsinnig wertvoll.

So international wie Frankfurt als Stadt ist seit ein paar Jahren auch eure Mannschaft. Die Spieler kommen aus aller Herren Länder. Und trotzdem ist die Identifikation der Stadtgesellschaft mit dem Team so hoch wie vielleicht noch nie zuvor. Wie kommt das?

Unsere Zusammenstellung wird eigentlich schlichtweg positiv aufgenommen. Besonders hier in Frankfurt ist Vielfalt ja Programm. Das merkt man. Und viele Aktionen, die unsere Fans gestartet haben, sollten das ja deutlich machen: Unsere Mannschaft steht (unfreiwillig) für eine gelungene Integration. Man sagt ja sowieso immer, Fußball wäre eine Sportart, die Menschen verbinden kann. Das ist in Frankfurt ganz enorm so und ich hoffe und denke auch, dass unsere Mannschaft ein wichtiger Teil dieser Gemeinschaft ist. Man merkt, wie viel unser Verein den Leuten bedeutet. Es kommen immer wieder Menschen auf mich zu und manche wollen einfach nur sagen, wie dankbar sie uns sind, dass wir ihnen am Wochenende so viel Freude bereiten. Es geht dabei nur darum, dass ich für die Menschen genauso zu Frankfurt gehöre wie alle anderen eben auch.

Und es wurde in den letzten beiden Jahren auch viel berichtet, dass euer Team charakterlich sehr stark ist.

Das stimmt. In unserem Verein wird sehr darauf geachtet, wie sich jeder einzelne Spieler verhält. Auch abseits des Platzes. Talent ist wichtig, aber Respekt ist wichtiger. Von den Verantwortlichen wird jedem Einzelnen hoch angerechnet, wenn er für den Verein und für die Menschen greifbar, nahbar ist.

Luka Jović hat nach seinem Wechsel zu Real Madrid die Stimmung bei der Eintracht in einem Beitrag für das Magazin The Players‘ Tribune so beschrieben: Die Eintracht „ist kein Verein, in dem es um Geld oder teure Spieler geht. Stattdessen geht es um die Chemie und ein unglaubliches Zusammengehörigkeitsgefühl mit den Fans.“

Freut mich, dass Luka das so gesagt hat, denn es stimmt absolut. Es ist extrem schön, dass ehrliche Spieler, die sich so für den Verein einsetzen, so hoch angesehen sind. Ich glaube, das ist hier etwas Besonderes.

Und es ist wahrscheinlich auch das, was die Fans besonders gut finden.

Nehmen wir das Europa-League-Halbfinale im letzten Sommer. Da haben wir uns in beiden Spielen zerrissen. Am Ende hat ein Elfmeterschießen leider gegen uns entschieden. Aber nach dem Spiel sind wir alle gefeiert worden ohne Ende. Den Fans bedeutet es einfach viel, greifbare Spieler zu haben, Spieler, die nicht irgendwo in ihrer eigenen Welt leben und abgeschottet sind.

Apropos greifbar: Gibt es Plätze in Frankfurt, wo du besonders gerne hingehst? Lieblingsorte? Eher Clubs oder eher Parks?

Das Zweite, ich habe so zum Beispiel meine Freundin kennengelernt. Wir sind Tag für Tag im Park spazieren gegangen und haben uns stundenlang unterhalten. Das ist für uns beide ein Ort, an dem wir abschalten können. Wir gehen auch sehr gerne ins Kino, also falls uns da einer auflauern möchte (lacht).

Auflauern? Ist das schon mal passiert?

Ja, als ich umgezogen bin und häufiger bei IKEA war, hat jemand, der dort gearbeitet hat, auf gut Glück jeden Tag ein Trikot von mir mitgenommen. Sehr diszipliniert (lacht). Aber ich bin schon eher jemand, der gerne mal ans Mainufer geht oder einen Wald- oder Feldweg nimmt und dort einfach bisschen spazieren geht. Solche Sachen sind eher die Dinge, die mich ansprechen als jetzt beispielsweise ein Club-Besuch.

Ab wann fühlt man sich irgendwo zuhause? Kann man schon nach ein paar Jahren ein Gefühl dafür entwickeln, dass es eine Option wäre, zu bleiben?

Also gerade bei uns im Fußball ist das schwierig zu sagen. Wenn man das Glück hat und wirklich längerfristig bei einem Verein sein kann, dann hat man auch Zeit, Stadt und Umgebung richtig kennenzulernen. Und dabei ist es wichtig, wie man vom Verein und vom Umfeld aufgenommen wird. Bei mir war das vom ersten Tag an sehr positiv. Mir wurde viel Respekt und Liebe entgegengebracht. Dementsprechend ist Frankfurt inzwischen schon eine Heimat für mich geworden, obwohl ich ja erst zwei Jahre hier bin.

Wie hat sich das entwickelt?

Anfangs habe ich jeden freien Tag genutzt, um nach Köln und Umgebung – in die alte Heimat – zu fahren. Das ist dann immer seltener der Fall gewesen. Denn ich habe mich mithilfe der Menschen innerhalb und außerhalb des Vereins sehr schnell sehr wohl hier gefühlt. Und dann kann man auch schon nach zwei Jahren sagen, dass man eine neue Heimat gefunden hat.

Und später? Hast du schon darüber nachgedacht, was nach der Fußball-Karriere kommen könnte?

Ja klar, es ist völlig normal, dass man darüber mal nachdenkt. Ich war zum Beispiel schon in der Schule an Mathematik und Zahlen interessiert. Auch an verwandten Themen wie dem Finanzwesen. Das ist mit der Fußball-Karriere und dem damit einhergehenden hohen zeitlichen Aufwand natürlich leider ein bisschen ins Hintertreffen geraten. Vielleicht ist das etwas für später. Und das könnte ich auch im Zusammenhang mit dem Fußball machen.

Und etwas mit dem Tagesgeschäft „Fußball“?

Was tatsächlich neu dazu gekommen ist, was ich selbst vorher nicht für möglich gehalten hatte, ist das Trainieren einer Jugendmannschaft. Ich habe das spaßeshalber mal ausprobiert und fand das super. Was ich aber definitiv ausschließen kann, ist, dass ich mal eine Profimannschaft trainiere.

Wegen der großen Verantwortung? Oder weil man dann so ein bisschen ein Einzelkämpfer sein muss?

Für mich ist es immer etwas ganz Besonders, ins Stadion einzulaufen, da ich mir das von klein auf immer gewünscht habe. Aber die Kehrseite ist, dass viele da draußen einen dann Wochenende für Wochenende bewerten. Wenn ich also diesen Samstag ein gutes Spiel mache und nächste Woche ein schlechtes, dann ist das erste schnell vergessen. Als Spieler gewöhnt man sich irgendwann dran und man ist vor allem Teil einer Mannschaft, die diese Effekte auch ein bisschen auffängt. Der Trainer ist zwar auch Teil des Teams, aber muss viele Entscheidungen treffen und alleine dafür geradestehen. Er hat einen Kader von 30 Spielern, muss immer alle in das Training involvieren, checken, wie der Gegner am Wochenende spielt, wie er die Mannschaft vernünftig eingestellt bekommt, bereitet jedes Training nach und so weiter. Und am Ende steht ein Ergebnis und er wird daran gemessen.

Alleine, er ist eigentlich ziemlich alleine im Licht der Öffentlichkeit.

Ja, er hat zwar Co-Trainer, aber er versucht Woche für Woche, die Mannschaft perfekt einzustellen, er macht alles, was in seiner Macht liegt. Und wenn es gut läuft, dann ist alles gut. Aber wenn nicht – und manchmal weiß man einfach nicht, warum genau es nicht so klappt, denn er macht ja das Gleiche wie sonst auch immer – dann ist er hilflos. Denn er kann ja nicht selber aufs Feld laufen und die Dinge ändern. Und er ist der Erste, der den Kopf hinhalten muss. Ich habe einen Riesenrespekt vor jedem Trainer, der das macht. Aber ich sage ganz ehrlich: Ich bin dafür nicht der Typ. Ich hab mit 17 mein Profidebüt gegeben. Ich weiß nicht, wie lange ich noch spielen werde. Aber irgendwann, wenn meine aktive Karriere vorbei ist, würde ich diese Dauerbeobachtung und diese Dynamik gerne für ein etwas entspannteres Familienleben eintauschen und nicht noch einen draufsetzen (lacht).

Das Trainieren von Jugendlichen findet weitgehend außerhalb der Öffentlichkeit statt.

Genau. Und bei Jugendlichen kannst du auf noch mehr Entwicklungen Einfluss nehmen. Das geht über den Sport hinaus. Du begleitest junge Spieler und achtest darauf, wie sie sich als Menschen weiterentwickeln, das ist sehr spannend.

Du hast vorhin die Schnelllebigkeit des Fußballgeschäfts angesprochen. Du bist aber immerhin nicht bei den Bayern, die sich schon heute nicht mehr an einen Titelgewinn vor drei Jahren erinnern können. Hier feiern die Leute nach zwei Jahren noch den Pokalsieg, als wäre das gestern erst gewesen. Das ist doch eigentlich schöner, oder?

Definitiv ja. Und das ist super. Aber man erwischt sich schon dabei, dass man an vergangene Spiele denkt und es einem vorkommt, als wären die vor Jahren gewesen, dabei war es vielleicht vor vier oder sechs Monaten. Das ist schon Wahnsinn. Und bei den ganz großen Vereinen geht es ja noch mal um andere Summen und andere Zielsetzungen. Ich kann mir schon vorstellen, dass das Menschliche in ein paar Situationen nicht so im Vordergrund steht. Das ist sicher auch in der Unternehmenswelt so. Je größer das Unternehmen, desto mehr kommt es darauf an, dass der Mensch einfach funktioniert. Punkt. Bei der Eintracht wird schon versucht, das Familiäre mit Leben zu füllen. Wenn ein Spieler mal eine schwierigere Phase hat, dann wird versucht, ihn aufzufangen, wieder an den Betrieb und den Stress heranzuführen. Er bekommt wieder eine Chance.

Noch mal zur Stadt. Der Ruf von Frankfurt war früher ja gruselig und hat sich inzwischen stark verbessert. Das liegt auch daran, dass seit einigen Jahren viel für die Lebensqualität in der Stadt getan wird. Es gab Zeiten, da war es nicht gerade en vogue, ans Mainufer zum Flanieren zu gehen.

Kaum vorstellbar. Dafür, dass da jetzt fast ununterbrochen gefeiert wird.

Ja, wirklich kaum vorstellbar. Und dann hat man gleichzeitig diese Entwicklung bei der Eintracht. Ich habe im Mai gelesen, dass die SGE vor allem aufgrund der wahnsinnigen Europa-League-Saison für viele Deutsche der zweitliebste Verein geworden ist. Die Eintracht …

Ja, das ist schon extrem. Und es stimmt. Wenn ich so überlege – man sitzt häufig mit Interviewern zusammen und die sagen beispielsweise, dass sie Schalke-Fan sind, aber mittlerweile auch kein Spiel der Eintracht mehr verpassen. Schon enorm. Aber ich denke, das liegt auch daran, dass bei uns eben auch diese anderen Dinge im Vordergrund stehen und wir das als Mannschaft sehr gut verkörpern. Und an unseren Fans, die den Verein mit Leben füllen, wie fast nirgendwo sonst.

Noch mal zum Pokalsieg: Das war wahrscheinlich auch so ein einschneidendes Erlebnis, nicht nur der Pokalsieg selbst, sondern auch die Rückkehr in die Stadt.

Ja, ich glaube, viele Frankfurter erinnern sich noch an die Bilder vom Autokorso. Wir saßen zu Beginn des Korsos zu dritt im Auto und statt der anfänglichen drei Leute waren es dann zwischendurch mal zehn. Es war total schön, da man gemerkt hat, wie besonders das für die Menschen hier war, nach 30 Jahren wieder den Pokal zu holen. Und nahezu jeder Mensch in Frankfurt hat später mal den Pokal angefasst. Was auf dem Römer los war, ist bis heute noch ohne Worte. Und wir hatten natürlich einen super Entertainer dabei.

Stimmt: Boateng. Der hat ja richtig Show gemacht. Gibt’s eigentlich Kontakte zu ehemaligen Spielern, selbst wenn die jetzt inzwischen woanders spielen?

Ja, wir haben eine WhatsApp-Gruppe. Und alleine darüber hält man zu vielen Spielern dann noch den Kontakt.

Letzte Frage: Wenn du jetzt nicht gerade in Parks spazieren gehst, was interessiert dich noch?

Ich esse unheimlich gerne. Und in Frankfurt gibt es eine fantastische Restaurant-Kultur. Wir haben mal mit EintrachtTV zusammen eine Home Story gedreht. Da habe ich auf einem Frankfurter Markt Sachen aus der Region probiert.

So wunderbare Spezialitäten wie Grüne Soße?

Ja, ich kannte die Grüne Soße vorher nicht und habe dann zugesagt, sie auf jeden Fall zu probieren. Wir haben diese Spezialität dann gegessen und ich muss sagen: Die hat es mir echt angetan. Aber bei ein paar anderen Sachen (lacht) … mit dem Handkäs kann ich ehrlich gesagt nichts anfangen.