Die Kleinmarkthalle

SO FING ALLES AN

Im Grunde ist Foodporn keine Erfindung des digitalen Zeitalters. Schon im Barock malte so mancher Künstler lieber Stillleben von prall gefüllten Obstschalen oder knusprig gebratenem Fleisch, als noch mal eine Marie-Luise oder eine Sibylla-Augusta zu porträtieren. Und so war bereits die ursprüngliche Frankfurter Kleinmarkthalle aus dem neunzehnten Jahrhundert eine Inspiration für alle Foodies: Vornehme Herren, Hausfrauen und Mädchen vom Lande pilgerten durch den „Glaspalast“ auf der Suche nach dem frischsten Gemüse, dem spritzigsten Wein, dem schmackhaftesten Käse. „Gemieß, Kardoffel und was noch all, des kriecht mer hier in dere Hall. Und owwe uff der Galerie, da möpselts nach Fromaasch de Brie“, berichtete der Mundartdichter Friedrich Stoltze über das bunte Treiben. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Kleinmarkthalle zerstört, doch in den fünfziger Jahren hat man die Frankfurter Institution wieder aufgebaut. Pragmatismus anstatt Neoklassizismus, Wirtschaftswunder anstatt Belle Époque.

UND JETZT?

Inzwischen hat die Avocado die Artischocke als Statussymbol abgelöst und die Frankfurter Esskultur ist bunter denn je: Vorbei am bunt blühenden Blumenstand, der explodierenden Farbpalette aus frischem Obst und Gemüse, bleibt man schließlich vor einem Gewürzstand stehen und spricht die Namen aus wie Zauberformeln. Währenddessen knurrt der Magen und der Mischgeruch verschiedener Landesküchen wabert durch die Gänge. Ganz klassisch Pellkartoffeln mit grüner Soße? Rindswurst oder veganer Kebab? Die schärfsten Chilis der Welt oder zähneverklebender türkischer Honig? Oder am Ende sogar alles zusammen? „Gibt’s nicht“ gibt’s nicht.

FUN FACT

Dass wir heute noch zwischen den Ständen flanieren und uns kulinarisch inspirieren lassen dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit: Als das Planungsdezernat vor fünfzehn Jahren vorschlug, die Halle aus den 50ern abzureißen, protestierten die alteingesessenen Frankfurter mit Erfolg gegen diesen Eingriff in die Esskultur der Stadt. Ein Grund mehr, das bunte Treiben in der Kleinmarkthalle zu genießen.

EIN FEST FÜR DIE SINNE

Denkt man an hessische Delikatessen, kommen unsMeeresfrüchte und Co. eher nicht in den Sinn. Klar, wir sehen den einen oder anderen Angler am Mainufer. Der große Fang bleibt aber meistens aus. Doch die Pescetarier aus 069 müssen natürlich nicht auf ihre Weich- und Grätentiere verzichten! Im Erdgeschoss der Kleinmarkthalle werden – ausschließlich am Freitag und am Samstag – frische Süßwasserzuchtfische angeboten. Das Becken im Keller ist auch einen Besuch wert, denn wer, außer James-Bond-Bösewichte, kann schon behaupten, „Killerfische“ im Keller zu haben? Na gut, für Salzwasserfische und Köstlichkeiten aus dem Ozean muss man die Treppen hochgehen! Dort werden Landratten mit dem Besten von der Atlantikküste verwöhnt. Und bei selbstgemachten Seafood-Salaten und französischen Austern kann man zum Gläschen Champagner schon mal den Nachmittag drangeben. Fancy FFM-Fisch eben!