SCHIFFSTAUFE

Ich könnte mir Frankfurt nicht ohne den Main vorstellen. Ohne ihn wäre mein Leben nicht dasselbe, denn es ist schon immer eng mit dem Fluss und der Stadt verbunden. Seit 1880 organisierte meine Familie die Schiffsrundfahrten auf dem Main. Jede Generation betrieb ihre eigenen Schiffe, stand vor immer neuen Herausforderungen und schrieb ihre ganz eigene Geschichte. Die Dampfschiffe der ersten Generation wurden von moderneren Modellen abgelöst und die wiederum von noch besseren, innovativeren Schiffen. 1974 wurden zum ersten Mal die damals sehr neuartigen Gastronomie- und Erlebnisfahrten umgesetzt. Und seit 2012 führt die erste Geschäftsführerin der Familiengeschichte das Unternehmen: ich. Dabei hätte alles ganz anders kommen können.

Denn niemand hat mich oder meinen Bruder gedrängt, den Betrieb zu übernehmen. Mein Vater zum Beispiel, der vor mir der Geschäftsführer der Primus-Linie war, erwartete lediglich, dass seine Kinder die Schule erfolgreich abschließen und dann ihren eigenen Weg finden. Und das haben wir dann auch getan. Ich entschied mich dazu, BWL zu studieren und konnte während des Studiums einige superinteressante Orte, Kulturen und Sprachen kennenlernen. Ohne diese tollen Erfahrungen wäre ich vielleicht nicht zurückgekommen, um die Familientradition fortzuführen. Auch jobtechnisch habe ich ein paar Sachen ausprobiert, habe zum Beispiel drei Jahre in einem DAX-Unternehmen gearbeitet. Das war eine wertvolle Erfahrung, aber ich merkte schon bald, dass ich für eine derartige Karriere nicht gemacht war. Ein bisschen zu groß und zu taktisch. Am meisten vermisste ich die Kreativität und das Unternehmertum. Als ich zurück zum Familienbetrieb kam, war es glücklicherweise so, als sei ich nie richtig weggewesen.

Es gibt einige Dinge, die ich an meiner Arbeit liebe: die Nähe zu meinen Mitarbeiter*innen, zu den Kunden und vor allem die Freiheit, neue Ideen entwickeln und ausprobieren zu können. Zum Beispiel neue Entertainment-Konzepte: Vom Gruseldinner über das Winter-Würstchen-Grillen bis zum Live-Konzert haben wir mit unseren Gästen schon so viele rauschende Feste gefeiert. Die Kehrseite meiner Selbständigkeit ist natürlich, dass ich mich immer besonders verantwortlich für alles fühle. Ich trenne nach wie vor zu selten Privates von Beruflichem. Aber es überwiegen der Spaß an der Sache und die Erfüllung, das tun zu dürfen, was ich liebe. Und ich erwarte natürlich auch nicht von meinen Kindern, dass sie mein Erbe als Geschäftsführerin antreten. Ich freue mich aber, dass sie sich schon jetzt einbringen: So hatten meine Töchter die Idee für das Märchenhafte Familienfrühstück. Ach ja: Und wie ich damals wurden auch sie auf einem unserer Schiffe getauft. Der erste Schritt ist also getan. 

 

Marie Nauheimer
Geschäftsführerin, Primus-Linie