Von Blumenzwiebeln, Bohnen und einem Diktator

Vorab: Sein Geschäft für Saatgut ist nicht nur in Frankfurt ein echtes Unikat – sein Beruf ist auch deutschlandweit eine absolute Rarität: Nils Andreas ist Samenhändler. Und zwar in fünfter Generation. „Es fühlt sich gut an“, sagt er. Trotz großer Herausforderungen, Krisen und Kriegen hat der Familienbetrieb es bis heute geschafft, ein Teil des Frankfurter Stadtbildes und Gesellschaftslebens zu sein. Seit über 150 Jahren. Im Zeitalter des Internets und der Baumarktketten ist das eine stolze Leistung. Denn sein Berufsbild ist eigentlich so gut wie ausgestorben. „Die haben alle aufgegeben“, so Nils Andreas.


Größter Zufall

Aber von vorne: Alles fing vor 200 Jahren mit einem berühmten Holländer an. Sein Name: Ernst Krelage. Sein Standing: berühmtester Blumenzwiebelzüchter Europas. Seine Mission: Besuch einer Messe im Handelszentrum Frankfurt am Main. Sein Aufenthalt stand allerdings unter keinem guten Stern. Er wurde schwer krank, kam ins Krankenhaus, nur, um sich dort – wie es eben manchmal so geht – in eine Krankenschwester zu verlieben, die er dann auch heiratete. Kurzum: Er ließ sich in Ffm nieder, bekam die Stadtrechte und eröffnete eine Dépendance seines Blumenzwiebelhandels. Im Steinernen Haus vor 200 Jahren. Als sein Sohn später keine Lust mehr hatte, das Geschäft weiterzuführen, übernahm die Familie Andreas den Laden: im Jahre 1868.


Größter Einsatz

Seither ist auf den Samen-Andreas Verlass. „Winzig klein“, so Nils, „aber oho.“ Auf zwei Etagen kann man Blumen, Samen, Töpfe, Dünger und Gartenbedarf wie Schaufeln und Spargelstecher erstehen. Nur „so eine Bling-bling-Gartendeko“ sucht man hier vergeblich. Dafür beraten Nils und sein junges Team in den grasgrünen Shirts alle Kunden so bedarfsgerecht wie möglich. Mit bester Laune wird man zu allen Fragen rund um Samen, Anbau und Pflege von Garten- und Zimmerpflanzen beraten. Zum Beispiel bei Schädlingsproblemen: Da nimmt Dr. plant. Andreas die Patienten genauestens unter die Lupe und verschreibt dann das passende Mittel. Man kennt sich aus und die Kunden sind happy.


Größte Dummheit

Eine Bohnenladung aus Amerika stürzte den Laden nach dem zweiten Weltkrieg in eine existenzielle Krise. Eine Bohnenladung? Ja, genau. Und das kam so: Im Rahmen des Marshall-Planes schickten die Amerikaner zehn Tonnen Bohnensamen über den Atlantik. Ziel: Samen-Andres, Ffm. Auf dem Schiff kam das Saatgut allerdings mit Salzwasser in Berührung und wurde dadurch unbrauchbar. Als die verdorbenen Samen also hier ankamen, machte Nils‘ Großvater kurzen Prozess und schüttete die komplette Ladung in den Main. Problem. Er hatte vorab nicht dokumentiert, dass die Samen unbrauchbar waren. Und so glaubte ihm das Finanzamt nicht, dass die ganze Ladung schon futsch war, als sie auf Frankfurter Boden ankam. Und so mussten bis in die späten 70er-Jahre Steuern nachgezahlt werden. Und das hätte dem Laden fast das Genick gebrochen.


Größte Abneigung

In den 80er-Jahren kam ein ungewöhnlicher Kunde mit einer ganz besonderen Abneigung in den Laden: Muammar al-Gaddafi. Er wollte groß shoppen gehen, dabei aber kein Produkt im Einkaufskorb haben, das auch nur ansatzweise etwas mit seinem großen Feind zu tun hatte: Amerika. Das Geschäft wurde also abgeriegelt, damit der libysche Diktator ungestört seinen Großeinkauf tätigen konnte. Bei jedem Produkt, jeder Samenart wurde jedoch die immer wiederkehrende gleiche Frage gestellt: America? Auch der bestellte Rasenmäher musste umgerüstet werden. Denn der Motor war made in U.S.A. Mühsam, aber lukrativ: Über 20.000 DM ließ der Despot damals an dem einen Tag im Laden.


Größte Chance

Nachdem es einige Jahre lang ein hartes Geschäft war, mit den großen Ketten und Baumärkten zu konkurrieren, wendet sich das Blatt gerade ein bisschen. Denn der Gemüsehandel boomt. Plötzlich wollen sich alle ihre Kartoffeln selbst anbauen und entsprechend kompetent beraten werden. „In den letzten Jahren ist ein neues Bewusstsein entstanden für Pflanzen, die man sich selbst zieht“, sagt Nils und krempelt die Ärmel hoch. Zwischen Mitte März und Mai, zur Hauptsetzzeit von Gemüse, ist seine wichtigste Saison. Lange 80-Stunden-Wochen und keine Zeit für die Familie, all das nimmt er in Kauf. Denn er liebt seinen Beruf, die Arbeit mit den Pflanzen und den Kontakt und den Austausch mit seinen Kunden. Sein Elan und Optimismus springen im Laden direkt über. Ein Unikat eben.

                         

Immer fresh: www.samen-andreas.de


Zitat für Bubble:

„Frankfurt ist die geilste Stadt. Wo gibts denn sonst so lockere, coole Leute?“