Die immerwährende Endgültigkeit wird 40!

„O’köpft is! Oktoberfest jetzt auch im Islamischen Staat“, „Pilz des Jahres: Der Flüchtling“, oder „Aufatmen in Deutschland: Die Mauer wächst nach“. Wer sich diese Headlines ausdenkt, ist: endgültig wahnsinnig. Aber wer sie dann auch noch veröffentlicht, macht: endgültige Satire. Die Titanic nutzt wie kaum ein anderes Magazin ihre Freiheit, um alles und jeden durch den Kakao zu ziehen. Und sie ist ein echtes Frankfurter Unikat. Mit rundem Geburtstag. 2019 feiert die Titanic ihr 40-jähriges Bestehen! Bewegte Zeiten mit vielen herrlich-abstrusen Geschichten und zahllosen Promis, Zeitungen und Institutionen, die ihre Demütigung und Überforderung nur durch Verbotsanträge kompensieren konnten. „Mit Erfolg“, wie Chefredakteur Moritz Hürtgen lächelnd anmerkt, „im Laufe der Jahre wurden stapelweise Ausgaben verboten.“

 

ENDGÜLTIGER STARTPUNKT

Alles begann mit dem Untergang von Pardon, dem subversiven Vorgänger der Titanic. Der damalige Chefredakteur leitete 1979 mit der Titelstory „Kein Witz – Ich kann fliegen!“ den Untergang von Pardon ein, denn die anderen Redakteure wollten dann doch nicht jeden Quatsch mitmachen. Sie quittierten den Dienst, riefen die „Neue Frankfurter Schule“ ins Leben und gründeten den selbstverwalteten Titanic-Verlag.

 

ENDGÜLTIGER DURCHBRUCH

Spätestens ein heute legendärer Wetten-dass-Auftritt machte das Magazin deutschlandweit bekannt. Und berüchtigt. 1988 schummelte sich der damalige Chefredakteur Bernd Fritz in diese deutsche Samstagabend-Institution und wettete, dass er Buntstiftfarben am Geschmack erkennen kann. Was er nicht sagte: Er konnte durch die scheinbar blickdichte Maske sehen. Und deshalb auch die Farben schmecken. Eine Riesenblamage für das ZDF und Thomas Gottschalk „und für die Titanic ein Riesencoup, der bis heute positiv nachwirkt“, so Moritz Hürtgen.

 

ENDGÜLTIGE MACHT

Die Titanic ist ein devoter Diener der Satire. Und echte Satire hat den Anspruch, absolute Macht zu erlangen. Große Macht wiederum bringt große Verantwortung mit sich. Beides nutzte das Magazin, um die Fußball-WM 2006 nach Schland zu holen. Ex-Chefredakteur Martin Sonneborn, heute berüchtigter Europa-Abgeordneter der aus der Titanic hervorgegangenen Partei „Die PARTEI“, hatte gemeinsam mit seiner Redaktion einige Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees „umworben“: Von dem vielfältigen Korruptionsangebot aus Kuckucksuhren, deutschen Würstchen und allerlei Made-in-Germany-Nippes fühlten sich die Mitglieder des Komitees so geschmeichelt, dass unser Land den Zuschlag bekam.

 

ENDGÜLTIGE RACHE

Andere aber missverstanden den Patriotismus der Titanic als Hochverrat. Und so versuchte der ewige Gegenspieler der Titanic, die Bild-Zeitung, Rache zu nehmen. Unter einen vernichtenden Artikel über die Bestechungsaktion druckte der deutsche Meister des investigativen Journalismus die Telefonnummer der Titanic-Redaktion und forderte seine Leser auf, ebendort anzurufen und laut zu schimpfen. Diese Aufforderung zum Dissen feiert die Redaktion noch heute. Man nahm die bundesweite Aufmerksamkeit ebenso gerne mit wie die teils skurrilen Sprachnachrichten: Die besten Beleidigungen schafften es auf die CD „‚Sie sind ein ganz großes Schwein, die Titanic!’ – Bild-Leser beschimpfen Titanic“.

 

ENDGÜLTIGE VERBOTE

Wenn Hürtgen an all die gerichtlichen Auseinandersetzungen denkt, beginnt er milde zu lächeln. Und es entsteht in ihm ein wohlig-warmes Gefühl, das man gut nachvollziehen kann, wenn man in der Jubiläumsausstellung in der Caricatura einige der Protokolle aus 55 Gerichtsverfahren und Unterlassungsklagen liest. Die Ausstellung konfrontiert den interessierten Masochisten zudem mit einigen der besten Magazintitel. Es fehlen aber auch Highlights, weil … genau: verboten.

 

ENDGÜLTIGE FREIHEIT

Ein Alleinstellungsmerkmal der Titanic ist ihre Unabhängigkeit – nicht nur von externen Gruppen, sondern auch von Werbeanzeigen. Denn das Magazin finanziert sich zum größten Teil durch Abonnements und Abverkauf. Alle riskanten Titel, jede Blödelei, die Comics und Cartoons sowie Werbeparodien werden einfach abgedruckt. Eine Narrenfreiheit, die fröhlich mit Leser*innen geteilt wird: „Vom Fachmann für Kenner“ heißt die Rubrik, die knappe, humoristische Texte und Beobachtungen veröffentlicht. Um jung und fresh zu bleiben, werden die Chefredakteure alle fünf Jahre ausgewechselt. Was für die meisten Chefredakteure wie ein Horror-Szenario klingt, ist für Moritz Hürtgen eine Erleichterung: „Es steigert den Spaß und ist irgendwie befreiend.“

 

ENDGÜLTIG FRANKFURT

Alle Aktionen, Titel und Albernheiten sind im Satire-Zentrum FFM entstanden. Frankfurt ist für die Titanic nicht nur wegen der Buchmesse, der Caricatura und der günstigen Anbindung von Vorteil: „Hier gab es schon immer ein ganz gutes Klima für Satire. Und es gab die richtigen Leute“, sagt Hürtgen und fährt fort: „Frankfurt ist eben auch eine interessante Stadt.“ Kein Überangebot wie in Berlin und weniger Borniertheit als in München. In FFM veranstaltet die Titanic eine monatliche Lesung im Club Voltaire, das Festival für Komik und weitere Events. In Frankfurt wurde dem Magazin vom OB der Goldene Schlüssel der Stadt überreicht. Und auch wenn Moritz Hürtgen in der betreffenden Rede voller Ernst die fehlende Dankbarkeit für so viele wichtige Verdienste bemängelte: FRESHFFM bedankt sich bei der Titanic für 40 Jahre Scharfsinn und Blödsinn und freut sich auf die nächsten 40!